Hintergrund

Grundgedanken zu Gescher e.V.

Gescher e.V. wurde im Sommer 2004,  auch auf die gesellschaftlichen Reaktionen nach 9/11, gegründet. Das wesentliche Ziel des Vereins ist es, ein Zusammenleben verschiedener Religionen und der Kulturen, die sie je umgeben, auf Augenhöhe, auf der Basis eines modernen Demokratieverständnisses, auch in einer Perspektive, die Belastungen standhält, zu ermöglichen.

Hierfür sieht die Satzung drei Schwerpunktbereiche vor:

1. Pädagogik

2. Sozialwissenschaft, und hier speziell der Blick auf Ausgrenzungsmuster mittels Diskursanalyse

3. Kultur

Der wichtigste Punkt findet sich allerdings unter dem Stichwort Pädagogik.

 

Dies bedeutet für uns vor allem, den Aufbau und die Etablierung von interkulturell / interreligiösen Kindertagesstätten nach spezifischen Standards, die wir entwickelt haben und beständig weiter entwickeln. Hierzu gehört auch eine Nulltoleranz bezüglich struktureller und direkter Gewalt, was nicht bedeutet, dass wir konfliktfrei oder nicht konfrontativ arbeiten, im Gegenteil.

Ein weiteres wesentliches Merkmal ist die Nutzung von Mehrsprachigkeit durch Immersion. Mehrsprachigkeit ist hier auch ein Medium interkulturelle Kompetenz zu entwickeln, durch das Erfahren entsprechender sozialer Routinen. In Rottenburg haben wir neben der Hauptsprache Deutsch, bisher die Sprachen Russisch und Englisch sehr erfolgreich dazu genutzt. Wir konnten hier nicht nur eine Verbesserung, etwa der bisher nur russischsprachigen Kinder bezüglich ihrer Deutschkenntnisse und Anwendungen erreichen, nun, nachdem sie beide Sprachen sprechen konnten, sondern auch die Erstsprache auf hohem Niveau stabilisieren. Darüber hinaus haben  Kinder, für die das Russische völlig fremd war, in kürzester Zeit, ohne viel Mühe, ein weitgehendes Grundverständnis für die, für sie fremde Sprache entwickelt.

Ziel war von Beginn an und ist es bis heute, die Eröffnung weiterer Gescher Kitas, auch im Bundesgebiet und die Entwicklung internationaler Partnerschaften.

Die Praxis und fortwährende Auswertung derselben soll ein nachhaltiges und tragfähiges Curriculum zum Erwerb interkultureller Kompetenz und sozialer Routinen für Kinder und ihre Familien zur Folge haben, welches, ganz oder teilweise, auch von Dritten übernommen werden kann. Unsere Hoffnung ist auch, dass diese Curriculum aufgrund seiner Verflechtungen von Theorie und Praxis Eingang in den Bildungsdiskurs und in die pädagogischen Ausbildungsgänge findet. Eine wissenschaftliche Begleitung ist angestrebt.

Um die Parameter Religion, Kultur und Sprache zu verbinden, nutzen wir eine Pädagogik in der Philosophie Martin Bubers und Januz Korzaks, in Anlehnung an die Ideen von Maria Montessori. Wir praktizieren einen autoritativen sozialintegrativen Erziehungsstil.

Die pädagogische Praxis und Theorie ist, nicht nur aufgrund der existentiellen Notwendigkeit von Nachhaltigkeit, von ökologischem Grunddenken geprägt. Naturwissenschaft genießt einen hohen Stellenwert und steht für uns nicht im Widerspruch zu religiösem / spirituellem Denken und Empfinden. Es sind einfach verschiedene Dinge, die sich manchmal mehr, manchmal weniger, manchmal nicht begegnen. Wir sind keine Kreationisten und verfolgen keinerlei fundamentalistischen Linien, gleich welcher Couleur, lehnen auch entsprechende Kooperationen ab.

Die Basis unserer Arbeit beginnt mit dem Blick auf Genderaspekte. Bei einer klaren und nicht beliebigen Grundhaltung sind wir am ehesten liberalen Strömungen zuzurechnen.

Ein Aspekt unserer Arbeit gilt auch der Vermittlung von Strukturen, die dazu beitragen, ein Zusammenleben zu ermöglichen, in dem unterschiedliche religiöse und kulturelle Werte eine gemeinsamen Ethik und einen Konsens finden, der für alle kompatibel ist mit der Ethik und den Werten  moderner demokratischer Verfasstheiten. Der Entwicklung von Parallelgesellschaften, die sich in demokratischen und den Menschenrechten verpflichteten Strukturen nicht wieder finden, soll entgegengewirkt werden.

Der religiöse Aspekt findet sich auf einer spirituellen Ebene wieder, sowie auf einer kultursoziologischen wie   - historischen. Die religiös – spirituelle Ebene ist in keinster Weise bindend oder voraussetzend, sondern inspirierend. Religiöse Entwicklungen können nach unserer Ansicht, ebenso wie sexuelle, nur konstruktiv menschlich sein, wenn sie dem Primat der Freiheit unterliegen.

Um nachhaltige Grundlagen für die Erreichung unserer Ziele zu legen, ist eine Erziehung und Erziehungsumgebung, die von Anfang an das Wie und Warum demokratischer Strukturen und Beteiligungsformen, berücksichtigt unabdingbar.

Um Kinder, vor allem sehr kleine Kinder weder zu unterfordern, noch zu überfordern, gilt es dafür jedes Kind individuell, wie auch das Gruppensystem ständig realistisch, auch in seiner stetigen Entwicklung wahrzunehmen und fortwährend im pädagogischen Alltag darauf zu reagieren. Nur ein realistischer Blick der erwachsenen Person auf sich selber, zumindest vor sich selber, ermöglicht einen realistischen Blick auf das Kind und die Gruppe und beugt Projektionen eigener Wünsche und Befindlichkeiten, die nicht unbedingt gleichzusetzen sind mit den Interessen und Befindlichkeiten des Kindes und der Gruppe, vor.

Das wesentliche soziale Lernfeld in der Krippengruppe, wenn die Kinder oft erstmals lange und intensive Kontakte außerhalb der Familie haben und auch erfahren, dass die sozialen Rollen die sie innehaben, sich mit der Umgebung und dem Kontext in dem sie sich bewegen ändern, ist das Ausprobieren, Erfahren, Kommunizieren, Handeln und Gestalten von Alltag in wechselnden Beziehungen und Rollen und Gruppenformationen. Gescher hat eine Nulltoleranz bezüglich Gewalt, was nicht gleichbedeutend ist mit der Abwesenheit von Gewalt. Mit dem Eintritt in die Kita vermitteln die Kinder untereinander, sowie die Erwachsenen den Kindern in einem ständigen Prozess des Beobachtens, Ausprobierens und Aushandelns vielfältige Möglichkeiten, Techniken und Strategien im Umgang miteinander, gerade auch im konfliktreichen Umgang miteinander der keineswegs durch Eingreifen vermieden wird. Die Kinder dürfen sich gegenseitig nicht verletzen, spucken oder in Gefahr bringen, trotzdem lernen sie zu streiten, wütend und verletzt zu sein, ihre Interessen mitzuteilen und andere Interessen wahrzunehmen und darüber zu verhandeln.

Sie lernen einerseits so egoistisch zu sein, dass sie sich behaupten können und andererseits so solidarisch, dass sie zugunsten anderer auch eigene Bedürfnisse zurückstellen können, insbesondere für die nachhaltige Erfahrung zwischenmenschlicher Beziehung.

Seit Beginn unserer Arbeit bis heute, stellen wir immer wieder fest, dass viele Kinder lange und gut miteinander befreundet sind, sowohl innerhalb der Kita, als auch wenn sie diese schon lange verlassen haben, selbst dann, wenn keineswegs dieselben Interessen geteilt werden, oder wenn die Persönlichkeiten jeweils auf den ersten Blick nicht als gut harmonisierend erscheinen. Das Erfahren vielfältiger sozialer Routinen ist dafür die wesentliche Grundlage. Klare Abgrenzungen und Regeln, die teilweise fest sind, teilweise zur Diskussion stehen und teilweise in den jeweiligen Situationen von den Kindern selber festgelegt werden, sind die Bedingung dafür, einen Freiraum für diese sehr frühen demokratischen Erlebnisformen zu schaffen, der nicht scheinbar selbstständig nur die bestehenden Strukturen der Macht der Stärkeren, Schnellern oder Größeren reproduziert.

Der Umgang mit Macht, das Nutzen, wie auch das Verzichten, ist ein wesentlicher Lernprozess in der Altersgruppe des Kitaeinstiegs vom Krabbelalter bis zum dritten Lebensjahr. Wir haben immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Kinder keineswegs immer die einfachsten Wege der Durchsetzung von Interessen wahrnehmen, oder immer Macht nutzen, wenn sich die Gelegenheit bietet, sondern durchaus die Nachhaltigkeit befriedigenden Aushandelns und dessen emotionaler Wirkung, bei Nichtaufgabe der eigenen Interessen, bevorzugen und genießen. Diese Erfahrungen sind die Grundlage für spätere Partizipation, ab dem Alter von zwei Jahren, in Bereichen die die gesamte Kita betreffen und eine gewisse Planungskompetenz voraussetzt. Demokratischer Umgang ist hier vor allem Erfahrung und Ausprobieren und wird so Teil sozialer Routine. Kinder wie Erwachsene wiederholen meist positive Erfahrungen und schaffen sich ständig Situationen in denen ein solcherart erlebter Umgang wieder eintreten wird.

Mit etwa zwei Jahren beginnend, äußern die Kinder zunehmend mehr differenzierte und komplexe Wünsche, Ideen, Beschwerden und Anregungen. Hierfür geben wir täglich in mehreren geschaffenen Gruppen- und Einzelgesprächssituationen bewusst Raum, auch vor allem, um Kindern die Möglichkeit eines Gruppen- oder Zweiergespräches zu ermöglichen, ohne viel oder keine Beteiligung von Erwachsenen.

Einen besonderen Stellenwert haben organisierte Gesprächsrunden zu Beginn und Ende der Woche, da hier auch der Planungen für den Kitaalltag und Mitteilungen besonders berücksichtigt werden. Hier fließen Ideen und Wünsche der Kinder mit den pädagogischen und persönlichen Ideen und Wünschen der Erwachsenen zusammen. Daraus ergibt sich ein Teil der Aktivitäten, wie zum Beispiel, von den Kindern gewünscht, jedes Kind einmal zu Hause mit der ganzen Gruppe, zu besuchen.

Eine weitere Grundlage für diese Gesprächskultur ist zwar ein kindgerechtes, aber normales Reden. Es gibt keine Kindersprache der Erwachsenen und keine Fragen, die Kinder nicht beantwortet bekommen oder denen ausgewichen wird. Im Zweifel lautet die Antwort auch mal: Das weiß ich nicht, oder, ich möchte darüber nicht mit dir sprechen. Diese Antworten dürfen selbstverständlich auch Kinder gegenüber Erwachsenen geben. Kindliche Äußerungen nehmen wir auch dann ernst, wenn wir auf den ersten Blick denken, sie seien nicht ernst zu nehmen. So wenig wie Erwachsene reden Kinder zufällig, oder plappern nur. So viel wie Erwachsene denken Kinder, mitunter sogar mehr, da sie mehr in Frage stellen und oft auftauchende Probleme grundsätzlicher angehen und sich nicht immer an vorgegebene Denkmuster halten, sondern eigene entwickeln und dies auch von Erwachsenen einfordern. Trotzdem besprechen wir mit den Kindern immer wieder, wo sie Entscheidungsbefugnisse haben und wo nicht. Wir weisen Eltern immer wieder darauf hin, Kinder nicht zu fragen, ob sie dies oder jenes tun möchten, oder ob sie in der Kita bleiben wollen oder woanders sein wollen, wenn die Kinder gar nicht die Möglichkeit haben, dies zu entscheiden. Ein Kind, dass wiederholt bei solchen Fragen seinen, von den Erwachsenen abweichenden Willen kundtut, nur um dann zu erfahren, dass es ohnehin nichts zu entscheiden hat, wird nicht sehr wahrscheinlich darauf vertrauen, tatsächlich Dinge alleine entscheiden oder mitentscheiden zu können und wird dies unter Umständen bald nicht mehr einfordern oder im Gegenzug nur noch den eigenen Willen einfordern. Kinder reagieren auf eine klare und ehrliche Haltung von Erwachsenen und auch von anderen Kindern durchaus positiv, auch wenn dies ihren momentanen Bedürfnissen widerspricht, wenn sie die Erfahrung machen, und zwar regelmäßig, dass es ausreichend Gelegenheiten gibt, in denen sie zu recht entscheiden oder mitentscheiden und dies dann nicht nur eine pädagogische Konstruktion ist, sondern ein echter Alltagsdiskurs.

Durch authentische und ehrliche Gespräche lernen Kinder auch Erwachsenen zu vertrauen, da sie sie in diesen Situationen als souverän und vertrauenswürdig erleben und sich selber ebenso wahrgenommen.

Die Techniken von Partizipation und deren Formalisierung bleibt in der nun wieder stattfindenden Aufbauphase der Entwicklung und den Ideen vorbehalten, die Kinder und Erwachsene aus dem Alltag heraus, sowie aus vorhandener best practice entwickeln und festlegen werden. Die geschilderten Grundideen im regelmäßigen alltäglichen Umgang sind die Basis dafür, Techniken und Formalia nicht  nur der Form halber zu nutzen.

Rottenburg – Reutlingen – Duisburg  April 2012

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